Situation und Konstellation
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Hartmut Rosa legt mit "Situation und Konstellation" einen dichten, zugleich gut lesbaren sozialwissenschaftlichen Essay vor, der eine zentrale Verschiebung moderner Gesellschaften beschreibt: Wir neigen dazu, die Welt in "Konstellationen" zu überführen – also in klar strukturierte, entscheidbare Anordnungen. Das hat Vorteile: Verfahren werden vergleichbar, Entscheidungen nachvollziehbar, Willkür lässt sich begrenzen. Doch der Preis ist hoch: Wo Handeln auf das Abarbeiten vorgegebener Optionen schrumpft, bleibt dem Menschen oft nur noch der Vollzug ohne jeglichen Spielraum. Dem stellt der Soziologe die "Situation" gegenüber: Offene, nicht vollständig vorstrukturierte Zusammenhänge, in denen Menschen tatsächlich handeln, abwägen und sich als wirksam erleben. Zufriedenheit entsteht für ihn nicht im reibungslosen Funktionieren, sondern dort, wo Handeln mehr ist als regelkonformer Ablauf. Besonders interessant ist diese Diagnose im Kontext moderner IT: Denn digitale Systeme – ob regelbasiert oder KI-gestützt – übersetzen Welt in entscheidbare, letztlich binäre Konstellationen. Zwar arbeiten aktuelle KI-Modelle nicht mehr strikt deterministisch, sondern mit Wahrscheinlichkeiten und erzeugen scheinbar kontextsensible Antworten. Doch dieser Eindruck täuscht: Auch sie vollziehen lediglich – wenn auch auf höherem Niveau. Sie simulieren situatives Abwägen, ohne selbst zu handeln. Was dabei verloren geht, ist genau das, worauf Rosa zielt: ein nicht vollständig berechenbares, erfahrungsbasiertes Handeln im Kontext menschlicher Emotionen. Fazit Rosa plädiert für einen Perspektivwechsel: Wenn wir die Konstellationsspirale durchbrechen wollen, braucht es mehr Vertrauen – nicht in Systeme, sondern in Menschen. "Vertrauen in die erfahrungsbasierte Urteilskraft des jeweils anderen" müsse wieder zum Grundmodus werden. Wer hingegen aus Angst vor Fehlern stets versucht, komplexe Zusammenhänge in binäre Konstellationen zu pressen, verstärkt genau jene Strukturen, die menschliches Handeln zunehmend verdrängen – und damit ein gutes, gelingendes Leben erschweren oder sogar unmöglich machen. |
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