Von Robotik bis Sprachmodell: Münchens KI-Cloud gestartet
Im Münchner Tucherpark ist eine der leistungsstärksten KI-Recheninfrastrukturen Europas an den Start gegangen. Die Deutsche Telekom hat gemeinsam mit NVIDIA und weiteren Partnern eine Anlage aufgebaut, die bereits über ein Drittel ausgelastet ist – noch bevor sie offiziell eröffnet wurde. Von der Entwicklung digitaler Zwillinge bis zum Training eines europäischen Sprachmodells: Was hinter dem Projekt steckt und warum der Eisbach dabei eine Rolle spielt.
Die Deutsche Telekom hat am heutigen Tag ihre Industrial AI Cloud in München in Betrieb genommen. Das Rechenzentrum im Tucherpark entstand in den vergangenen sechs Monaten in Kooperation mit dem Chiphersteller NVIDIA und dem Datacenter-Spezialisten Polarise. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nahmen an der offiziellen Inbetriebnahme teil. Die Anlage stellt Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Einrichtungen in Deutschland und Europa Rechenkapazität für KI-Anwendungen zur Verfügung.
KI-Power für alle EU-Bürger
Das Münchner Rechenzentrum verfügt über rund 10.000 NVIDIA Blackwell GPUs, darunter DGX B200 Systeme und RTX PRO Server GPUs. Die Infrastruktur liefert eine Rechenleistung von bis zu 0,5 ExaFLOPS. Nach Angaben des Telekommunikationskonzerns könnten damit theoretisch alle 450 Millionen EU-Bürger gleichzeitig einen KI-Chatbot nutzen. Die Anlage ist bereits zu über einem Drittel ausgelastet. Zu den ersten Kunden zählen der Münchner Robotik-Anbieter Agile Robots und das auf technische Simulation spezialisierte Unternehmen PhysicsX.
Die Telekom arbeitet für den Betrieb der KI-Fabrik mit SAP und Siemens zusammen. Gemeinsam mit SAP entsteht der sogenannte "Deutschland Stack" - ein technisches Gesamtpaket von der Infrastruktur bis zur Anwendungsebene. Die Tochtergesellschaft T-Systems verantwortet dabei die Infrastruktur- und Plattformebene, während SAP die Business Technology Platform und Fachanwendungen beisteuert. Siemens bringt sein Simulations-Portfolio SIMCenter in die Cloud ein, was die Entwicklung digitaler Zwillinge und virtueller Produkttests ermöglichen soll.
Großprojekt europäisches Sprachmodell
Eines der ersten Großprojekte auf der neuen Plattform ist das Forschungsvorhaben SOOFI der Leibniz Universität Hannover. Das Projekt zielt auf die Entwicklung eines europäischen Open-Source-Sprachmodells mit rund 100 Milliarden Parametern ab, das vollständig in Europa trainiert und betrieben werden soll. Der Fokus liegt auf europäischen Sprachen und industriellen Anwendungen. Die Telekom stellt für das Vorhaben die technische Infrastruktur bereit.
Das Rechenzentrum nutzt ein ehemaliges Gebäude im Tucherpark, das auf einer Fläche von etwa 10.700 Quadratmetern entkernt und modernisiert wurde. Der Betrieb erfolgt ausschließlich mit erneuerbaren Energien. Die Abwärme soll künftig das gesamte Quartier Tucherpark beheizen. Für die Kühlung der Anlage kommt Wasser des nahegelegenen Eisbaches zum Einsatz. Der Standort liegt in einem der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas und verfügt über eine leistungsstarke Glasfaseranbindung.