KI als Komplize: Schlag gegen EvilTokens

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KI als Komplize: Schlag gegen EvilTokens

23.09.2026 - 11:20
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Ein KI-Chatbot, der fremde Postfächer liest, die wichtigsten Geldflüsse erkennt und gleich die passende Betrugsmail mitliefert: Mit EvilTokens hat Microsoft eine Plattform stillgelegt, die über 10.000 Organisationen traf. In London klickten die Handschellen.

Microsoft hat die Cybercrime-Plattform EvilTokens nach eigenen Angaben stillgelegt. Der Dienst nutzte künstliche Intelligenz, um fremde E-Mail-Postfächer auszuwerten und gezielte Betrugsmaschen vorzubereiten. Für die Digital Crimes Unit (DCU) des Konzerns ist es die erste Aktion gegen einen Cybercrime-Dienst, der von Anfang bis Ende auf KI setzt.

Seit dem Start im Februar 2026 wurde EvilTokens mit mehr als 12.000 kompromittierten Postfächern in über 10.000 Organisationen weltweit in Verbindung gebracht. Die meisten Opfer fanden sich in den USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Indien und Frankreich. Betroffen waren unter anderem Großhändler, Bauunternehmen, Finanzdienstleister, Immobilienfirmen, Hochschulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens.

Wie die Angreifer in die Postfächer kamen

Die Täter setzten auf sogenanntes Device-Code-Phishing. Sie brachten ihre Opfer dazu, einen Authentifizierungscode auf der echten Microsoft-Anmeldeseite einzugeben, und erhielten so Zugriff auf das Postfach, ohne jemals ein Passwort zu kennen. Der Zugang blieb sogar nach einem Passwortwechsel bestehen, sofern die zugehörigen Sitzungen und Tokens nicht ebenfalls widerrufen wurden.

Im Kern des Dienstes arbeitete ein KI-Chatbot, der die erbeuteten Postfächer durchforstete. Er fasste E-Mails zusammen, übersetzte sie, spürte Gespräche über Zahlungen auf und kartierte Rollen sowie Vertrauensbeziehungen im Unternehmen. Vorgefertigte Prompts suchten gezielt nach Überweisungen, Lieferantenrechnungen und den "money movers" einer Organisation, also den Personen, die Geld bewegen dürfen. Auf Wunsch schlug die Plattform sogar vor, wen man am besten imitiert, und entwarf passende Nachrichten im Namen vertrauter Kontakte.

Cybercrime als Abo-Modell

Vertrieben wurde EvilTokens über Telegram: Eine einmalige Einstiegsgebühr von 1.500 US-Dollar plus ein wiederkehrendes Abo von 500 US-Dollar öffneten den Zugang. Kunden bekamen dafür Dashboards, Support und Werkzeuge, die vom Kontozugriff bis zur Betrugsvorbereitung alles abdeckten. Wissen über Identitätsangriffe, Cloud-Systeme, Social Engineering und Finanzbetrug, das früher jahrelange Erfahrung erforderte, lieferte nun eine fertige Oberfläche.

Auch beim Bau der Plattform half offenbar KI. Ermittler fanden Hinweise darauf, dass große Teile des Codes "vibe coded" waren, also mithilfe von KI entstanden. Zudem griff EvilTokens auf Fähigkeiten mehrerer KI-Modelle zurück.

Gerichtsbeschluss und Festnahmen

Grundlage der Aktion war ein Beschluss des US-Bezirksgerichts für den Eastern District of Virginia. Weil auch Kliniken und Gesundheitsorganisationen ins Visier geraten waren, trat die Non-Profit-Organisation Health-ISAC als Mitklägerin auf. Gemeinsam mit Cloudflare, Coinbase, OpenAI, Railway, SpyCloud, der Shadowserver Foundation und TRM Labs beschlagnahmte Microsoft 50 Websites und legte mehr als 150 weitere Domains lahm.

In Großbritannien nahm die Cybercrime-Einheit der Londoner Metropolitan Police am 11. September 2026 zwei Männer im Alter von 32 und 38 Jahren fest und stellte digitale Geräte sicher. Beide sind unter Auflagen auf Kaution frei, die Ermittlungen laufen weiter. Microsoft analysierte die Beweise seinerseits mit Reverse Engineering und KI-Werkzeugen; für die DCU ist es die 40. gerichtlich genehmigte Aktion in fast zwei Jahrzehnten.

Die Infrastruktur ist zwar abgeschaltet, das Geschäftsmodell dürfte aber Nachahmer finden. Microsoft rät Unternehmen deshalb, davon auszugehen, dass Kriminelle den Inhalt eines gekaperten Postfachs in Minuten statt Tagen durchschauen. Anfragen zur Änderung von Bankdaten, zur Umleitung von Zahlungen oder zu ungewöhnlichen Transaktionen sollten daher immer über einen zweiten, vertrauenswürdigen Kanal geprüft werden.