Fachartikel

So kann die europäische Cloud GAIA-X gelingen

Im öffentlichen Sektor oder in der Gesundheitsbranche – also überall dort, wo von kritischen Infrastrukturen die Rede ist – herrschen in der Regel vielfach Bedenken hinsichtlich des Gangs in die Public Cloud. Die Diskussion über On-Premises versus Public Cloud ist deshalb aktueller denn je. Für solche Branchen könnte großes Potenzial im Netzwerk GAIA-X stecken, das eine europäische Cloud- und Dateninfrastruktur schaffen will. Dazu müssen öffentliche Verwaltung und Softwarehersteller jedoch zu einem Umdenken bereit sein.
Damit das zarte Pflänzchen GAIA-X gelingen kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen.
Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, wie abhängig Europa von Produkten und IT-Services außereuropäischer Anbieter ist. Viele organisieren im Home Office ihre Arbeits- und Abstimmungsprozesse mithilfe digitaler Tools und Technologien, die nur selten aus Europa stammen. Videos, Chats, Kalender- und Online-Kollaborationswerkzeuge – oft von US-Anbietern – sind gefragter denn je. Dieses Zusammenspiel von Abhängigkeiten und technischem Fortschritt zeigt ein bestehendes Dilemma. Zudem begründet es, warum mehr Eigenständigkeit und damit mehr digitale Souveränität mithilfe des Staates und der europäischen Union gefordert werden. Der richtige Weg könnte hier das Netzwerk GAIA-X sein.

Datensouveränität wahren
GAIA-X soll dafür sorgen, dass sich Daten in Europa sicher zusammenführen und teilen lassen, ohne Mitarbeit von IT-Konzernen aus den USA und China. Wenngleich die Initiative immer wieder als Gegenentwurf zu AWS, Microsoft und Co. dargestellt wird, ist sie dennoch nicht rein europäisch. Unternehmen aus aller Welt können sich beteiligen, wenn sie die über das Projekt GAIA-X erarbeiteten Regeln einhalten. Derzeit machen in den eigens einberufenen Arbeitsgruppen zum Beispiel bereits mehrere US-Anbieter mit, darunter AWS, Microsoft, Google und IBM. Schon heute sind mehrere hundert Organisationen aus vielen Ländern an dem Vorhaben beteiligt – Tendenz steigend. Neben staatlichen Institutionen und Forschungseinrichtungen gehören auch Technologie-Anbieter verschiedener Nationalitäten, Ausrichtungen und Größe sowie diverse Anwenderorganisationen zu den GAIA-X-Protagonisten. Dementsprechend unterschiedlich fallen die Ziele der Akteure aus.

Gemeinsames Ziel von GAIA-X ist es, eine leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa zu schaffen. Es geht darum, die Serverkapazitäten vieler kleiner und großer Unternehmen in Europa so miteinander zu vernetzen, dass die Daten sicher und vertrauensvoll verfügbar gemacht, zusammengeführt und geteilt werden können. Insbesondere für die öffentliche Verwaltung wäre eine solche Plattform nicht uninteressant – vorausgesetzt die Souveränität der Daten und Systeme bliebe tatsächlich gewahrt. GAIA-X sieht das vor.
Public Cloud als Herausforderung
Für die öffentliche Verwaltung ist der Einsatz von Clouddiensten grundsätzlich mit vielen Herausforderungen und Unbekannten verbunden. Das führt dazu, dass die Cloud nur selten zum Einsatz kommt und die öffentliche Verwaltung im Hinblick auf die Digitalisierung ins Hintertreffen gerät. Doch warum stehen Behörden und Ämter beim Zugriff auf digitale Infrastrukturen überhaupt vor besonderen Herausforderungen? Das lässt sich einfach beantworten: Branchen mit kritischen Infrastrukturen müssen sich immer die Frage stellen, wie sie vor dem Hintergrund der bestehenden Gesetzgebung und den vielfältigen kundenspezifischen Anforderungen beispielsweise ihre personalwirtschaftlichen Prozesse in der Cloud rechtssicher, gesetzeskonform und anforderungsgerecht abbilden können. Was vielerorts verunsichert, sind die Rahmenbedingungen, vor allem vor dem Hintergrund der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO). Bei Clouds, die international verteilt sind, braucht es eine rechtliche Grundlage, um personenbezogene Daten in Drittstaaten zu übermitteln.

Viele der genannten Herausforderungen ließen sich mit GAIA-X meistern. Eine zertifizierte Umgebung für den Öffentlichen Dienst ohne Abhängigkeiten zu einzelnen Anbietern hätte große Vorteile etwa hinsichtlich der Einhaltung der DSGVO. Viele Kunden könnten von einem vertrauensvollen Anbieter profitieren. Ob das allerdings in gleichem Maße für die Wirtschaft gilt, muss jedes Unternehmen für sich selbst bewerten. Für den Öffentlichen Dienst ist es eine große Chance und auch für die lokale Wirtschaft ist es ein gutes Angebot, um sich nicht von wenigen globalen Playern abhängig zu machen.

Insgesamt geht es aus Sicht der öffentlichen Verwaltung nicht primär um ein eigenes Ökosystem für eine gemeinsame Dateninfrastruktur in der Cloud. Vielmehr ist ein transparenter Datenverkehr notwendig, um den digitalen Wandel zuzulassen. Estland liefert hier ein gutes Beispiel: Dort kommt die Dateninfrastruktur als Instrument zum Einsatz – vom digitalen Bürger bis zur digitalen Verwaltung. Doch damit sich so etwas auch in Deutschland etablieren lässt, gilt es zu klären, wie viel Bürokratie abgebaut und damit Souveränität der Technologie überlassen wird. Fakt ist: In der öffentlichen Verwaltung muss zunächst bundesweit ein Umdenken stattfinden und dabei müssen alle Gedankengänge erlaubt sein – vom Auflösen föderaler Strukturen bei übergreifenden Aufgaben bis zur Vernetzung von Menschen. Ansonsten wird lediglich der Ist-Zustand verwaltet.

22.03.2021/ln/Hermann-Josef Haag, Fachvorstand Personalwesen & Public Sector der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG).

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