Fachartikel

Seite 2 - So kann die europäische Cloud GAIA-X gelingen

Wie GAIA-X gelingen kann
Aus Sicht der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) ist es unstrittig, dass auch SAP zum Gelingen von GAIA-X beitragen kann. Der Softwarehersteller besitzt Know-how darüber, wie Kunden mit Software umgehen. Zudem spielt SAP eine wichtige Rolle in der Diskussion zum Paradigmenwechsel von den klassischen On-Premises-Anwendungen zu hybriden Landschaften. Darüber hinaus ist der Hersteller in den hybriden Prozess- und IT-Strukturen der meisten Unternehmen eingebettet, wodurch er weiß, welche Einflüsse bei einer Systemeinführung wirken.

Zudem dürfte es SAP wichtig sein, zum Beispiel über die DSAG sicherzustellen, dass reale Kundenanforderungen in die GAIA-X-Gestaltung einfließen. In der Vergangenheit hat SAP lernen müssen, was es bedeutet, an den Kunden vorbei zu entwickeln. Das gilt es insgesamt zu vermeiden, da ein schneller Umschwung in diese neue Welt nur gelingen wird, wenn der GAIA-X-Ansatz Akzeptanz findet.

In diesem Kontext stellt sich zudem die Frage, inwieweit es GAIA-X tatsächlich gelingen kann, hinsichtlich Funktionalität, Flexibilität, Agilität und Kosten den bereits bestehenden Cloudangeboten von amerikanischen Cloudprovidern oder auch SAP das Wasser zu reichen. Aus Sicht der DSAG stellt dies eine große Herausforderung dar, da die Hyperscaler einen Vorsprung haben. Ob GAIA-X der Aufstieg gelingt, hängt maßgeblich vom tatsächlichen Angebot und für Unternehmen natürlich nicht zuletzt vom Preis ab.

Damit GAIA-X erfolgreich wird, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen und Lobbyismus vermeiden. Zudem kann ein derartiges Projekt nur gelingen, wenn die IT-Strategien der Länder nicht als Absichtserklärungen verabschiedet werden, sondern als klare gesetzliche Vorgaben.
Hybride Settings bedürfen besserer Integration
Doch trotz allen Potenzials von GAIA-X, die Akzeptanz für die Public Cloud zu erhöhen, steht aus DSAG-Sicht fest, dass die Zukunft zunächst hybrid sein wird. Fakt ist jedoch auch, dass es derzeit zum Beispiel keine Lohn- und Gehaltsabrechnung in der Public Cloud gibt. SAP bietet aber verschiedene Deployments wie etwa Hosting oder Managed Cloud. Aus Anwendersicht reicht das jedoch nicht. Es müsste vielmehr eine modernere, neuere, anpassbare Lohn- und Gehaltsabrechnung entwickelt werden, weil mit unterschiedlichen Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen viele verschiedene Aspekte zu berücksichtigen sind. Zudem müsste dies eine echte Software-as-a-Service-Lösung sein. Hier ließen sich sicherlich auch Machine-Learning- oder Robotic-Process-Automation-Ansätze finden, mit deren Hilfe sich viele Prozessschritte innerhalb einer Abrechnung abdecken lassen. Die bisherigen Werkzeuge bieten zwar fast alles – auch die notwendige Flexibilität – doch sie wurden für Experten geschrieben und diese werden immer weniger.

Solange wir in einer hybriden Welt unterwegs sind, spielt zudem das Thema Integration eine entscheidende Rolle. Im SAP-Kontext bedeutet das etwa: Zwar bietet der Softwarehersteller im Personalwesen zum Beispiel Recruiting, Talentmanagement oder Learning in der Cloud an, doch für die Kernprozesse wie Abrechnung oder Zeitwirtschaft und für die branchenspezifischen Aufgaben wie im Öffentlichen Dienst, beispielweise die Stellenwirtschaft, braucht es zusätzlich hybride Szenarien. Es sollte nicht nötig sein, Stammdaten massenhaft doppelt und von Hand auszutauschen. Es bedarf eines vollautomatisierten Integrationsprozesses.

Bezogen auf das Thema Stammdaten lässt sich zudem festhalten, dass es bisher kein einheitliches Stammdatenmodell zwischen Cloud und On-Premises in den unterschiedlichen Modulen der SAP-Software gibt. DSAG und SAP haben mit ihrer Stammdateninitiative hier jedoch Standards geschaffen, ein One-Data-Model sozusagen. Und das gilt es nun flächendeckend in der Software umzusetzen.

Auch SAP mit Aufholbedarf bezüglich Cloudszenarien
Ob mit GAIA-X oder ohne: SAP und das gesamte SAP-Ökosystem, also auch die Beratungsunternehmen, haben was hybride oder Cloudszenarien anbelangt noch Aufholbedarf hinsichtlich der neuen SAP-Technologien. Hier könnte noch mehr Know-how aufgebaut und in die Unternehmen transferiert werden. Über das SAP-Consulting hinaus gibt es hier zwei wichtige Bausteine: Zum einen wird das Thema Integration jetzt ernster genommen, was wie erwähnt eine Grundvoraussetzung für hybride Welten ist. Zum anderen spielen Referenzarchitekturen für unterschiedliche Branchenlösungen eine wichtige Rolle.

Aus dem CX-Umfeld kennen wir die Model-Companies, doch hier könnte SAP noch besser werden. Es fehlt Klarheit, welche Prozesse SAP hybrid denkt, welcher Prozess in welchem System spielt und wie sich was sauber integrieren lässt. Hier fehlt, wie sich SAP einen Prozess Ende-zu-Ende vorstellt, mit welchen Systemen, was Cloud-only und was on-premises abgebildet werden soll. Das ist besonders im Sinne des Investitionsschutzes wichtig.

Wer sich also hybrid aufstellen möchte, sollte zunächst mit einem einfachen Use Case und einem Teilszenario in die Cloud gehen. Integrations-, Lizenzierung, Betriebs-, Prozesssichten und rechtliche Aspekte im Hinterkopf ist dabei das sinnvollste Vorgehen. Nur so bekommen Unternehmen ein Gefühl dafür, was möglich ist und welche Auswirkungen es hat. In dem Zug ist es auch wichtig und notwendig, dass SAP mehr in Testsysteme investiert, damit sich die Kunden mit möglichen Szenarien konkret auseinandersetzen können.

Fazit
In kritischen Infrastrukturen wie im Öffentlichen Sektor oder in der Gesundheitsbranche ist die Public-Cloud noch keine Option. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen zum Beispiel im Datenschutz. Das Modell GAIA-X könnte hier den Weg in die Cloud ebnen. Dennoch wird die Zukunft nicht Cloud-only heißen, sondern vielmehr hybrid sein. Deshalb sind Softwarehersteller wie SAP gefordert, ihre Hausaufgaben zu machen. Das betrifft nicht nur die Integration, sondern auch das Stammdatenmanagement.


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22.03.2021/ln/Hermann-Josef Haag, Fachvorstand Personalwesen & Public Sector der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG).

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